Als wir uns im Oktober zufällig trafen, konnte niemand ahnen, dass das Wiedersehen unter diesen entsetzlichen Vorzeichen nach so kurzer Zeit erfolgen würde. Die Welt, die wir kannten, existiert nicht mehr. Während für Menschen in Deutschland Fragen der Lebensmittel- und Energieverteuerung im Mittelpunkt der Sorgen stehen, geht es bei der ukrainischen Bevölkerung um die nackte Existenz.

odunayevska22 3Die ukrainischen Flaggen erzeugen HeimatgefühleJeden Tag erschüttern nicht mehr für steigerungsfähig gehaltene neue Katastrophen die Bewohner dieses Landes. Kaum zu ertragen sind die von Putins Propaganda gestreuten Lügen. Bezogen auf die kriegsverbrecherischen Vorgänge in Butscha, Kramatorsk etc. bedeutet das, die Verantwortlichen im Kreml geben die Schuld daran den Ukrainern selbst. Während man ganz zu Anfang des Krieges die Ursache in der alleinigen Verantwortung von Putin sah, wird nun berichtet, dass große Teile der russischen Bevölkerung hinter dem Kremlführer stehen. Die gleichgeschalteten Medien in Russland sorgen für dieses Zerrbild. Nur vorwiegend junge Menschen mit dem Zugang zu den medialen internationalen Netzwerken sind informiert. Viele verlassen nach Möglichkeit desillusioniert das Land.

Ganz anders stellt sich die Situation in der Ukraine dar. Der Zusammenhalt und das kollektive Erlebnis, Opfer einer menschenverachtenden Aggression des russischen Autokraten Wladimir Putin zu sein, schweißt die Nation zusammen. Die wehrfähigen Männer im Alter von 18 bis 60 Jahren kämpfen mit Waffen um den Erhalt ihrer Heimat. Unter dem Aspekt muss auch das ukrainisch-deutsche Verhältnis bewertet werden.

Die Ukrainer sind bitter enttäuscht über die deutsche Haltung bei deren Unterstützung für ihr Land: Zu wenig, zu zögerlich, zu spät. Präsident Selenskyj und Botschafter Melnyk sprechen das aus, was auf beiden Seiten unterschiedlich wahrgenommen wird. Die Sicht aus ukrainischer Perspektive: „Wir verteidigen mit unserem Blut auch eure Freiheit und euren Wohlstand. Liefert uns jetzt und sofort schwere Waffen und verschont uns mit euren Lächerlichkeiten, wie es bei der peinlichen Helmlieferung der Fall war. Seid endlich zu einem vollständigen Embargo bereit, denn nur diese Sprache versteht Putin.

Euren Bundespräsidenten Steinmeier wollen wir hier nicht sehen. Der hat mit seiner Nähe zu Putin zu unserer augenblicklich katastrophalen Lage entscheidend beigetragen. Warum zeigen Scholz und seine Parteifreunde nicht zumindest die gleiche Haltung wie die Grünen mit Anton Hofreiter und die FDP mit Marie-Agnes Strack-Zimmermann an der Spitze?“

Die SPD und deren Bundeskanzler Scholz betonten, Steinmeier habe sich entschuldigt und ein vollständiges Embargo könne zu einer wirtschaftlichen Katastrophe in Deutschland führen, die auch eine negative Auswirkung auf die Hilfe für die ukrainischen Flüchtlinge haben könnte. Außerdem sei die Gefahr eines Dritten Weltkrieges durch die Forderung nach schweren Waffen, Flugverbotszonen und weiterer Eskalation durch die NATO durchaus vorhanden.

Bei objektiver Betrachtungsweise hat es auch keine nennenswerten Proteste innerhalb Deutschlands gegeben, als Putin in Georgien, Tschetschenien und Syrien mit großer Brutalität Kriege führte, wir aber von billigem Gas und niedrigen Lebensmittelpreisen profitierten.

In einem Krieg können sich die Verhältnisse sehr schnell ändern. Ebenso die Einstellung deutscher Politiker. Dieser Bericht wurde in der zweiten Hälfte des Monats April geschrieben, gerade als bekannt wurde, dass es einen Panzertausch zwischen Deutschland und Slowenien geben wird. Das zeigt, dass auch deutsche Politiker lernfähig sein und sich Einstellungen (hoffentlich) verändern können.

Der gewichtigste Unterschied zwischen den beiden Auffassungen besteht aber sicherlich darin, dass es sich aus deutscher Sicht um eine theoretische Diskussion handelt, während es für die Menschen aus der Ukraine um Leben und Tod geht. So stellte sich auch bei Olha Dunayevska, PhD (Doktor der Philosophie) von der Taras-Schewtschenko-Universität Kiew die entscheidende Frage: Fliehen oder bleiben?

Hier ist der Bericht aus dem Westfalenblatt:

Olha Dunayevska (34 Jahre und nicht, wie im WB dargestellt, 45 Jahre alt) erzählt:

Der amerikanische Geheimdienst hatte für den 16. Februar vor einem Einmarsch der Russen gewarnt. Von diesem Zeitpunkt an interessierte mich die Frage, wo ein Luftschutzbunker in der Nähe unseres Hauses in Kiew sei. Es gab zwar einen, aber der war für den Zweck vollkommen unbrauchbar, vollgepackt mit alten Möbeln und sonstigem Gerümpel.

odunayevska22 2Andrijko, Olha Dunayevska und Kurt GussIch fragte eine alte Frau von ca. 80 Jahren, ob sie wisse, wo ein Keller oder ein Luftschutzbunker für den Fall der Fälle sei. Sie entgegnete darauf, ich wäre wohl verrückt, denn es sei vollkommen unnötig, da es keinen Krieg geben würde.

Am 24. Februar, dem Tag des Kriegsbeginns, rief mich meine Freundin um 04.30 Uhr am Morgen an, da sie für diesen Tag eine Reise nach Österreich geplant hatte. Sie sagte: „Olha, steh auf, es passiert gerade etwas Schlimmes, wir können nicht fliegen und sind aufgefordert worden, die Abflughalle zu verlassen. Leute rufen und schreien. Verlass bitte sofort die Stadt!“ 20 Minuten nach ihrem Anruf hörte ich eine Explosion. Wir waren nicht von Sirenen gewarnt worden.

Darauf weckte ich meinen Mann, der aber nicht auf die Explosion reagierte: „Sei nicht beunruhigt, ist doch nichts passiert! Nur ein harmloser Knall.“

Nun schaltete ich die elektronischen Nachrichten an. Die erste Zeile von ukr.net lautete: „Putin kündigte die militärische Operation in der Ukraine an.“ Darauf sagte ich zu meinem Mann: „Das ist der Krieg. Wir haben Krieg.“ Jetzt las ich weitere Nachrichten, aber es gab nun eine Menge Fake News, wie z. B. „Odessa hat sich ergeben - Alle Ukrainer wurden gefangen genommen etc.“

Danach bekam ich Anrufe von meiner Familie mit der auffordernden Bitte, Kiew sofort zu verlassen. Um 9.00 Uhr am Morgen wussten wir nicht, was wir tun sollten. Es gab keine Nachricht von der Universität und auch nicht von der Schule unseres Sohnes.

Dann hörten wir Bombeneinschläge in der Nähe des Kiewer Flughafens Hostomyl. Dieser Schock veranlasste uns, Vorbereitungen zum Verlassen der Stadt zu treffen. Als wir im Supermarkt etwas einkaufen wollten, standen so ungefähr 200 Menschen vor dem Laden.

Um 12 Uhr heulten die Sirenen. Wir liefen zum Bunker. Der aber war für die Aufnahme von Menschen nicht vorbereitet, sondern mit alten Möbeln und allerlei Unrat vollgestopft. Mein Sohn sagte voller Verzweiflung zu mir: „Ich bin nun 10 Jahre alt. Ist mein kurzes Leben jetzt schon zu Ende?“ Darauf beruhigte ich ihn mit den Worten: „Wir werden nicht sterben!“ Was hätte ich sonst schon sagen können?

Die Verwandten meines Mannes riefen an und baten uns, alle zusammen Kiew zu verlassen. So machten wir uns mit 5 Personen und einer Katze mit einem vollen Benzintank auf den Weg zu meinem Elternhaus in der Westukraine. Überall auf dem Weg sahen wir Autos mit Benzinproblemen. Nach einer Fahrt von 24 Stunden erreichten wir schließlich das Haus unserer Eltern. Meine Eltern (Vater 77 Jahre, Mutter 73 Jahre) waren überglücklich, uns zu sehen.

Leider war der Ort in der Westukraine in der Nähe zu Belarus nicht vollkommen sicher, denn auch hier fielen Bomben. Insgesamt verbrachten wir drei Wochen dort. Bei Raketenalarm bekam unser Sohn Panikattacken und versteckte sich unter dem Tisch.
Ich hatte in der Zeit Kontakt zu Kurt Guss. Er schlug mir drei Möglichkeiten vor:

1. Kommt nach Deutschland
2. Kommt nach Deutschland
3. Kommt nach Deutschland

Als in der Nähe des Hauses Raketentrümmer niedergingen, stand mein Entschluss fest: Ich werde das Land mit meinem Sohn verlassen. Mein Mann kann leider nicht mitkommen, denn er kämpft in der Heimatfront und kümmert sich um seine und meine Eltern.

odunayevska22 1Hier wohnen die ukrainischen GästeNatürlich hätte es sich angeboten, den näherliegenden Weg über Polen nach Deutschland einzuschlagen. Das ging aber nicht, da Olha durch eine Verwechslung ihren Pass (der Pass sah so aus wie ein medizinisches Lehrbuch) in Kiew liegen ließ.

Eine Freundin brachte das Dokument an die ungarische Grenze nach Wylkowa. Über Budapest, München und Dortmund erreichten Olha und Andrijko am 16. März endlich Bühne.

Hier lebt sie unter optimalen Bedingungen mit ihrem Sohn in einer abgeschlossenen Wohnung im Hause des Bühner Prof. Dr. mult. Kurt Guss. Olha Dunayevska ist aber kein Mensch, der sich zurücklehnend mit Almosen begnügen möchte. Ganz im Gegenteil: Wenn auch die Rückkehr in ihre Heimat oberste Priorität hat, so versucht sie doch, ihrem Leben hier durch Arbeit einen Sinn zu geben. Leider scheiterte ihr Angebot eines dreistufigen Englisch-Kurses (Anfänger, Fortgeschrittene, Diskussionen) wegen fehlender Anmeldungen. Doch an drei Tagen in der Woche führt sie Online-Veranstaltungen an der Universität Kiew durch.

In ihren Spezialdisziplinen Gestaltpsychologie, Linguistik und Erziehung steht die Möglichkeit einer Habilitation auf ihrer Agenda. Doch viel glücklicher ist sie über die Eingewöhnung ihres Sohnes Andrijko. Er ist nicht allein mit seinem Schicksal: Vier weitere ukrainische Flüchtlingskinder besuchen die Borgentreicher Grundschule. Der Viertklässler äußert sich sehr positiv über die gute Atmosphäre an der Schule und geht gerne dorthin. Selbst in Bühne hat er schon zwei Spielkameraden gefunden und freut sich so über den guten Start in diesem fremden Land.

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